Skandal: Papst fährt nicht angeschnallt! oder: Einer sieht alle Sünden: Der deutsche Wutspießbürger.

Wutbürger war gestern. Von vorgestern und heute so aktuell wie immer ist der Wutspießbürger. Wutspießbürger haben Autorückspiegel am Fenster und keine Bücher. In ihrer Schrankwand stehen Akten. Fast jeder hat einen Wutspießbürger zum Nachbarn. Sie auch? So einen, der den ganzen Tag am Fenster hängt und die Leute belehrt, wie sie sich zu verhalten haben? Und die Unbelehrbaren sofort der Obrigkeit zuführt? “Was Recht ist, muss auch Recht bleiben”, ist des Wutspießbürgers Credo, und wo kein Kläger ist, ist Denunziation Wutspießens erste Bürgerpflicht. Im Medienzeitalter sitzt der deutsche Wutspießbürger vor der Glotze und guckt, was alles nicht in Ordnung ist. Wenn der deutsche Wutspießbürger ein Unrecht erkennt, dann steht er auf. Er sieht das als Aufstand der Anständigen. Der deutsche Wutspießbürger steht auf und greift zum Telefon, das er so programmiert hat, dass die erste Kurzwahltaste ihn zum örtlichen Ordnungsamt verbindet, wo er zum Beispiel falsch parkende Pizzaboten anzeigt. Die Kurzwahltaste Zwei verbindet den Wutspießbürger mit dem Polizeirevier, wo er das SEK für die sofortige Verhaftung von z. B. Mauerpinklern verlangt. Die Drei geht zum Anwalt, für den Fall, dass der Beamte aus 1. oder 2. sich das Lachen nicht verbeißen konnte. Der Wutspießbürger beauftragt dabei den Anwalt in der Regel gleich noch mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde über den ignoranten Beamten. Die juristische Überversorgung  in Deutschland und das Wutspießbürgertum sind dabei wie Henne und Ei, das eine gebiert das andere.

In verschiedenen europäischen Ländern geht das Vorurteil um, dass “deutsch” und “Wutspießbürger” dasselbe sind. Seit kurzem gehört dazu ein Land mehr, und das kam so: Ein ordentlicher Deutscher sitzt vor seiner Glotze in Dortmund und sieht eine Übertragung vom Besuch des Papstes in Freiburg. Und, Skandal, obwohl alles voll Polizei ist in Freiburg, haben die ignoranten Polizisten nichts zu tun, als die Passanten im Zaum zu halten, damit der Papst passieren kann, ohne dass ihm etwas passiert. Und, es sticht ins Auge: Das reinweiße Gewand des Kirchenoberhaupts ist unbefleckt vom schwarzen Schrägstreifen des Sicherheitsgurts. Der Wutspießbürger vor dem Fernseher ist entsetzt. Da schützt die Polizei den Gast vor Attentätern, wo man ihn doch vielmehr vor sich selbst und die Öffentlichkeit vor dem Anblick schützen müsste! Der Papst ist nicht angeschnallt! Mitten in Deutschland! Am hellichten Tag! Vor den Kindern! Noch mehr, die Passanten halten ihre Kinder sogar noch hoch, damit der sündhaft unangeschnallte Pontifex sie segne! Was ist dieser Segen wert, wenn ihn ein unangeschnallter Papst spendet? Und, vor allem, was ist, wenn künftig katholische Kinder die Gürtung verweigern, mit dem Argument, der Heilige Vater führe ebenfalls gurtlos los? Ist sich der Papst seiner Vorbildwirkung nicht bewusst? Was tut die Polizei? Nichts! Und was tut Gott? Auch nichts!

Einer sieht es, einer tut etwas: Der Dortmunder Wutspießbürger, der routiniert für Ordnung sorgt. Das flugs angerufene Ordnungsamt in Freiburg hebt nicht ab. Die Polizei, Kurzwahl Zwei, erklärt sich nicht für zuständig. Aber ein Anwalt findet sich, der im Namen des deutschen Wutspießbürgers Anzeige stellt. Gegen den Papst, wegen Fahrens ohne Sicherheitsgurt. Jetzt sind die Behörden am Zug.

Es ist doch gut zu wissen, dass nicht allen Deutschen egal ist, was in unserem Land passiert.

via Spiegel Online: Anzeige gegen Papst. Der Verkehrssündenfall

P. S. Der natürliche Feind des Wutspießbürgers ist neben dem querulanten Passanten die Rechtsschutzversicherungsgesellschaft. Außendienstmitarbeiter von Rechtsschutzversicherungen sind darum angewiesen, in einem unbeobachteten Moment die Kurzwahlziele im Telefon des Antragstellers zu prüfen. Geht beim Drücken der Eins das Ordnungsamt dran, sucht der Vertreter das Weite, ehe der Wutspießbürger sich seinen Namen notieren und sich bei seinem Vorgesetzten beschweren kann.

P. P. S. Unbestätigten Gerüchten zufolge erwägt der Dortmunder Wutbürger außerdem eine Anzeige gegen ARD und ZDF wegen Verherrlichung von Ordnungswidrigkeiten und Verstoßes gegen den Jugendschutz, hier: Zeigen von ordnungswidrigen Verhaltensweisen vor 20 Uhr.

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