Ich bin ja nur Gelegenheitsfußballgucker. Gelegenheiten waren bisher Welt- und Europameisterschaften, ergaben sich also alle zwei Jahre. Ich gebe zu, dass ich vorher schon wusste, dass auch Frauen Fußball spielen. Mehr nicht, schon gar nicht, dass das Zuschauen so viel Spaß machen kann. Dass man heuer zuschauen konnte, hatten ARD und ZDF unübersehbar an jeder Ecke plakatiert. Dass die Auswahl der Slogans (“Dritte Plätze sind etwas für Männer.”, “Jungs, wir rächen euch!”) eine Erwartungshaltung provoziert hatte, mit der die deutsche Mannschaft* in eine Favoritenrolle gedrängt wurde, der sie bei weitem nicht gewachsen war, ist eine andere Sache. Der FIFA-Slogan war jedenfalls gut (“20ELF VON SEINER SCHÖNSTEN SEITE!”), im englischen Original sogar sehr gut (“THE BEAUTIFUL SIDE OF 20ELEVEN!”)
Wir haben eine wunderschöne WM gesehen. Insbesondere das Finale war packender als jede sommerliche Tatortwiederholung, und dass die Japanerinnen schließlich die Nerven behielten, war überaus erfreulich. Während der ganzen Finalberichterstattung fiel übrigens kein einziges Mal die bisher unvermeidliche statistische Angabe der Durchschnittsgröße des japanischen Teams.
Dafür fiel umso häufiger das Wort von der “Prachtnelke”, häufig mit einem konterkarierenden Bild einer US-Spielerin, die ganz sicher eben “Pissnelke” oder ähnlich Unhöfliches gedacht hatte.
Ausgesprochen höflich war hingegen, dass die deutsche Mannschaft fast geschlossen zum Finale da war, auch wenn allseits erwartet worden war, dass sie auf dem Rasen und nicht auf dem Rang antreten sollte. Ebenfalls schön, dass der Bundespräsident sich von Norderney loseisen konnte und ein paar warme Worte übrig hatte. Auch schön, dass die Kanzlerin (im Gegensatz zu Frau Kraft neulich) pünktlich kam und an warmen Worten ebenfalls nicht geizte, und das ausgerechnet an ihrem Geburtstag. Ganz unschön, liebe ARD-Sportreporterin: Zur Bundeskanzlerin sagt man nicht “Tschüss!” Auch wenn sich das einst familiäre/kollegiale “Tschüss” zunehmend zur normalen Abschiedsfloskel entwickelt hat, muss ein wenig Respekt verbleiben. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren oder lackieren es sich auf die Nägel!
Besonders prächtig an der vergangenen Frauen-Fußball-WM (oder, laut FIFA: “Frauen-WM”) waren nicht nur die lackierten Nägel der Sawa oder das schwedische oder das französische Team en tout, sondern dass sie nur unwesentlich von den bei entsprechenden Herrenveranstaltungen unvermeidlichen Begleiterscheinungen wie nackten Männern beim Public Viewing, Autocorsi und Hyperbeflaggung beeinträchtigt wurde, also wirklich nur die schönen Seiten des Fußballs zeigte.
Meine Lieblingsszene der ganzen WM ist Élodie Thomis’ Tanz nach ihrem Tor gegen Schweden. Auch, wenn es Abseits und ein verfrühter Freudentanz war und im Tanz eine sehr ausgeprägte Häme gegenüber den sonst tanzenden Schwedinnen – es war einfach schön. Hier nachzusehen:
Eins ist sicher: Ab sofort ist jedes Jahr Fußballjahr. In geraden Jahren werden Männer geguckt, und in ungeraden Jahren wrd es richtig schön.
* Ja, man kann “Mannschaft” schreiben, so wie man im Hockey, wo schon seit 100 Jahren Frauen und Männer spielen, von Damen- und von Herrenmannschaften spricht. Mannschaft heißt nicht “Männerclub”, sondern “Team”. Wir sprechen ja auch von “bemannter Raumfahrt”, obwohl Frauen genauso gute Astro- bzw. Kosmonauten sind.


