Bei Kaisers hängt der Haussegen schief

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, sagt ein Sprichwort. Was das Sprichwort nicht sagt, ist, dass mancher von manchen Reisen nicht allen alles erzählen mag. Das ist das Problem von Herrn Kaiser bzw. seinen Nachfolgern. Der nette Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer Versicherung ist ja schon im Ruhestand. Mit ihm ist auch der Inbegriff der Solidität gegangen. Die Hamburg-Mannheimer heißt jetzt Erigo*, nein, Ergo, und ist ein Unternehmen, das seinen verdienten Männern etwas bietet. Zum Beispiel Auslandserfahrung: Die 100 besten Vertriebsmitarbeiter durften 2007 nach Budapest reisen. Dort gab es das volle Programm, also Kultur, Architektur und auch Begegnungen mit Einheimischen. Und weil die Herr Kaisers von heute auch gern mal schweinigeln bzw. so richtig Dampf ablassen wollten, wurden sie ins Dampfbad gekarrt, wo ihrer Damen harrten, die vielleicht schwach im Geist, aber auf jeden Fall willig im Fleisch waren. Damit die Vertriebsprofis statt Zeitvertreibs mit Triebabfuhr keine Abfuhr riskieren mussten, wurden die Damen aus der Unternehmenskasse bezahlt. Man nennt das heute “Incentive”, also “Reiz” oder “richtig geile Sache das”. Eine Incentive-Reise, wie die Ergo schreibt, ist eine Lustreise.

Richtige Hamburg-Mannheimer-Männer brauchen offenbar solche Auszeichnungen. Die feilen Damen waren mit Bändchen markiert und setzten so die Tradition der k. u. k. Heeresbordelle fort, die sich durch getrennte Abteilungen für Offiziere und Gemeine auszeichneten. Im Budapester Thermalbad hieß z. B. ein weißes Band: Reserviert für den Vorstand. So weit ging die Verbrüderung unter den Männern von der Hamburg-Mannheimer dann doch nicht.
Als „Mordsspaß” beschreibt ein Teilnehmer die heiße Party, bei der leider alle Bild- und Tonaufnahmen untersagt waren. Die Damen wurden nach vollzogenem Akt mit Stempel versehen, je Akt ein Stempel, und man kann sich vorstellen, dass die teilnehmenden Herren sich auch stempeln lassen wollten, wegen des Wettbewerbs, und die besten und ausdauerndsten unter ihnen hätten sich eine ganze Latte von Stempeln verdient. So sind sie, die Herren Kaiser von heute. Und was ein richtig guter Vertriebler ist, der verkauft der Dame während der Triebabfuhr noch eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Time is cash.
Die Hamburg-Mannheimer bietet ihren Mitarbeitern eben etwas “mehr vom Leben”, wie die Versicherung früher warb. Dumm nur, dass der Inhalt des Betriebsvergnügens nun herausgekommen ist. Jetzt hängt bei Kaisers und in 100 anderen Haushalten von verdienten Mitarbeitern der Hamburg-Mannheimer der Haussegen schief und Frau Kaiser und 100 andere Gattinnen fragen misstrauisch, warum ihr Mann aus Ungarn so erschöpft nach Hause kam.
Ein richtiger Vertriebsmann kriegt das wieder hin und verweist auf seine eigene Auslandskrankenversicherung. Und falls auf dem ehelichen Lager doch vorerst verstimmte Ruhe herrscht, ist das kein Problem: Die nächste Betriebsfahrt kommt bestimmt, und damit auch der neue Herr Kaiser.

via Handelsblatt: Rauschende Sex-Party bei der Ergo-Versicherung 

P. S. Bei der schlüpfrigen Gelegenheit fällt mir noch eine Anekdote aus dem Freundeskreis und gleichzeitig eine Bewältigungsstrategie ein:

Eine Fußballmannschaft eher unterer Spielklasse reist zu einem Turnier nach Hamburg. Was machen nun 15 einsame Männer, wenn sie einmal in Hamburg sind? Natürlich, gucken, ob es auf der Reeperbahn wirklich so säuisch abgeht, wie man immer hört. Es ging, und nach reichlichem Alkoholkonsum rauschte die berauschte Mannschaft klassisch im “Club Aphrodite” ein. Am Morgen danach rief eine Ehefrau den besten Freund ihres Gatten an, der sein Handy noch ausgeschalten hatte und fragte nach den Erfolgen der Männer, was sie aber rein sportlich meinte. Der beste Freund, noch alkoholisiert, fängt sofort an zu erzählen, von der guten Stimmung, und dass sie noch gewaltig einen draufgemacht haben, und dass sie zum Schluss noch zusammen im Puff waren. Ähem, …, Schweigen, …, Peinlichkeit. Und er kriegt die Kurve: Ja, wirklich alle, außer ihm und seinem Freund natürlich.

Das hat die Ehefrau nachhaltig beruhigt.

P.P.S. Noch ein Kalauer zum Schluss: Die Hamburg-Mannheimer bezahlt derlei Lustreisen sicher aus der Pornokasse.

* Für Nichtlateiner: “erigo” ist die 1. Person Singular Präsens Aktiv des Verbs “erigere”, das nur scheinbar mit “erregen” verwandt ist und als abgeleitetes Substantiv “erectio” auch im deutschen Wortschatz als “Erektion” steht.

3 Antworten zu Bei Kaisers hängt der Haussegen schief

  1. Die Frauen wurden abgestempelt, ach, das ist also dieses berühmte “Stempeln gehen”, von dem man so oft hört…
    Mir tun ja die Frauen leid, da waren bestimmt reichlich widerliche Schmierlappen dabei. Bah.

  2. Nicht aus der Portokasse wurde bezahlt, sondern aus der Steuerkasse. Bzw. wurde die Reise beim Finanzamt von der Steuer abgesetzt.

  3. “Stempeln gehen” heisst Arbeitslosen Geld beantragen.
    “Abstempeln” heisst “das wird nichts”. Z.B.: Mein Kollege ist krank, jetzt kann ich meinen Urlaub abstempeln.
    Man sagt das aber auch, wenn man mit etwas fertig ist (auch eine Beziehung) “das ist abgestempelt”. D.h.: der Stempel ist das letzte, das etwas “fertigt”. Ende, Schluss.
    “Mit dem Stempel versehen” zugehoerig oder eingeordnet. Hmm, so habe ich meine eigene Frage beantwortet. Mann muss Die Sache nur durchdenken. LOL.
    Alex

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