Es gibt Formulierungen, die den aufmerksamen Leser oder Hörer fragen lassen, was genau der Formulierende, oft Politiker, damit meint. Eine davon ist “zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen”. Zu genau solchen wollen nämlich die Leipziger Verkehrsbetriebe die Gleise kaufen, auf denen die Leipziger Straßenbahnen fahren. Zur Zeit gehört das Schienennetz noch einer Bank, die es 2002 im Rahmen eines Cross-Border-Leasing-Geschäfts von der LVB gekauft hat. Auch der Wagenpark der LVB gehört seit einigen Jahren verschiedenen Banken.
Das Schöne daran ist, dass man sich gewissermaßen auf amerikanischem Boden befindet, wenn man mit der Straßenbahn fährt. Wahrscheinlich deshalb werden die zentral gelegenen Haltestellen auch in englischer und französischer Sprache angesagt, obwohl in Leipzig viel mehr Leute ukrainisch und polnisch sprechen. Das Schlechte ist, dass es nur gewissermaßen ist, und ganz schlecht ist, dass das Geschäftsmodell Cross-Border-Leasing nur ein Geschäft für die vermittelnden und beteiligten Banken und Finanzberater ist. Vor Jahren galt das Cross-Border-Leasing noch als Viagra für schlappe Kommunalhaushalte, und wenn es einen Käufer gegeben hätte, hätte die Stadt nicht nur Bahnen, Schienen, Oberleitungen, die Kongresshalle und die Wasserversorgung samt Klärwerk, sondern auch Oper, Gewandhaus und Altes und Neues Rathaus verscherbelt. Wahrscheinlich hätten die Experten den Leipzigern das letzte Hemd verpfändet, wenn sie nur Gelegenheit bekommen hätten.
Gestern hat der Leipziger Stadtrat einstimmig beschlossen, aus dem Vertrag, der das Leipziger Schienennetz versilbert hatte, vorzeitig wieder auszusteigen, “zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen”, wie der OBM mitteilen lässt. Die wahrscheinlichste Bedeutung dieser Floskel dürfte sein: Wir haben nicht alles verloren. Ein schlechtes Gewissen zeigt die Betonung in der Mitteilung der Stadtspitze an die interessierte Öffentlichkeit, dass das nun zu lösende Geflecht
2002 der Leipziger Stadtrat beschlossen und das Regierungspräsidium geprüft und genehmigt
hatten.
Da sind wir ja fein rausgekommen. Und das “zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen”. Besonders fein ist die Deutsche Bank herausgekommen: Die berät die Stadt Leipzig auch wieder bei den Ausstiegsverhandlungen aus dem Vertragswerk. Das nennt man eine Win-Win-Situation.
via MDR
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