Gut frisierte Märchenonkel und -tanten

Der Bundesverteidigungsminister hat sich einmal mehr so geschmeidig gezeigt, wie seine Frisur vermuten lässt. Da perlt einfach alles ab. “Von Herzen” täte es ihm leid, “von Herzen” entschuldige er sich, und darum muss jetzt alles gut sein und man endlich zur Tagesordnung übergehen. Das Ganze zelebriert er in der hessischen Provinz, vor Publikum, dass garantiert nicht mit dummen Fragen nervt.

Jetzt haben wir einen Bundesverteidigungsminister, der einmal mehr der Lüge überführt wurde. Ob es schlimm ist, einen Lügner zum Minister zu haben, darüber scheiden sich die Geister. Diejenigen, die eine Partei mit einem “C” bevorzugen, sagen ganz klar und christlich: Deine Rede sei Ja, Nein, Vielleicht, Hauptsache, er ist ein guter Verteidigungsminister. Ein bisschen Lüge schadet nichts, Hauptsache, die Frisur sitzt. Diejenigen, die in der Opposition sitzen, machen auf Moral, auch, wenn sie selbst schon einmal über ein paar Bonusmeilen gestolpert sind. Den Betrachter schaudert.

Politik ist ein schmutziges Geschäft. Bisher galt aber als Konsens, dass man das nicht unbedingt sehen muss. Seit Guttenberg ist es offenbar egal. Jetzt gilt: Pfeif’ auf die Moral, der Zweck heiligt die Mittel, und der Zweck ist die Macht. Nur die Presse hat der Lügenbaron dauerhaft gegen sich, weil er sie düpiert hat, in einer Weise, die jeden PR-Praktikanten auf Lebenszeit die Karriere gekostet hätte. Und, o Wunder, glatt, wie er ist, nutzt Guttenberg sogar das für sich aus und lässt seine Claqueure von Verschwörungen der Hauptstadtpresse raunen. Der Mann gewinnt langsam das Format eines Berlusconi.

Die Republik diskutiert ersatzweise in Talkshows. Gestern Abend bei Maischberger zeigte sich einmal mehr, zu welchen verzweifelten Mitteln man greift, um den Lügenbaron zu schützen. Eine dem Autor bisher zu Recht unbekannte Anna von Bayern, PR-Journalistin und Haus- und Hofbiografin des Freiherrn von und zu, verstieg sich gar zu der Behauptung, die von Guttenberg mittlerweile eingeräumten Fehler bei der Erstellung seiner Dissertation wären technischer Natur: Man hätte damals noch mit Disketten garbeitet, da konnte das schon einmal passieren, dass einem die Quellen als eigene Ideen durchrutschen. Damals, das war 1999. Und das Schlimme ist: Ein durchschnittlicher CSU-Wähler glaubt das wahrscheinlich auch. Frau von Bayerns Interesse ist natürlich klar – sie würde mit Guttenbergs Absturz das Objekt ihrer biografischen Begierde und Einnahmen verlieren. Kein Wunder, dass sie selbst an der Legende vom heiligen Karl Theodor strickt. Ganz schlichten Gemüts zeigte sich auch der CSU-Mann Norbert Geis, der das metaphorische Kind mit dem Stahlbad ausschüttete und vom “Stahlgewitter” sprach, durch welches Guttenberg hindurchgehen müsste.

Das Fernsehen verkommt mit solchen Politikern gleich mit.

Eine Antwort zu Gut frisierte Märchenonkel und -tanten

  1. Sehr geehrte Damen und Herren, der Vorwurf, ich hätte vor wenigen Jahren noch mit Disketten gearbeitet, ist geradezu abstrus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s