Ein Pyjama fürs Leben

“Wenn ich nicht essen müsste, wäre ich ein reicher Mann.”

Das sagte einst, sagt man, Hersch Ostropoler. Ich sage: Wenn meine Liebste nicht von Zeit zu Zeit einkaufen ginge, wäre ich ein reicher Mann. Vorgestern kam sie von Karstadt nach Hause, strahlenden Auges, im Gepäck einen Schlafanzug aus dem Sonderangebot, gesenkt auf nur 80 Euro, in Worten, die mir allerdings fehlten, achtzig. Als ich wieder Luft bekam, erklärte ich der Liebsten, dass ich sonst für diesen Preis fünf Schlafanzüge zu kaufen pflegte, und das über einen Zeitraum von 25 Jahren. Sie sagte: “Eben.” Ich erklärte ihr weiter, mit ihrem Einkauf hätte sie mein lebenslanges Schlafanzugbudget bis zum Eintritt des Ruhestands belastet, vorausgesetzt, es gibt dann noch so etwas wie Ruhestand. Meine Liebste lächelte ganz ruhig und sagte: “Probier’ ihn doch mal an!”

Dem Lächeln der Liebsten nicht widerstehen könnend, tat ich, wie geheißen, und siehe: Der 80-Euro-Schlafanzug schmiegte sich formvollendet um meinen Körper, verhüllte, was zu verhüllen und betonte, was zu betonen und war nichts als Baumwolle und Wonne. Seitdem trage ich den Schlafanzug, der übrigens soviel kostet wie meine beiden Anzüge zusammen, und ich trage nur den Schlafanzug und sonst gar nichts. Ich fühle mich gut angezogen, und seine Farbe ist dunkelmarineblau mit einem silbrig glänzenden, die Breite meines Brustkorbs dezent unterstreichenden Querstreifen, der mich ein bisschen, immer noch, an den Metallstreifen auf Geldscheinen erinnert.

Die Katze kommt mir jetzt natürlich nicht mehr auf den Schoß, erstens der Haare wegen und zweitens, damit sie mit ihren groben Krallen kein Loch in den 80-Euro-Pyjama reißt, der schon ein solches in die Haushaltskasse gerissen hat. Diesen Schlafanzug habe ich seit vorgestern nicht mehr ausgezogen, obwohl meine Liebste auf allerliebste Weise versucht hat, mich dazu zu überreden. Alles kann sie nicht haben. Gestern hatte ich frei und am Abend auf dem Weg zur Mülltonne erschien mir mein Pyjama etwas dünn. Doch heute morgen beim Bäcker war der Verkäuferin und den anderen Kunden anzusehen, dass sie erkannten, dass mein Schlafanzug etwas Besonderes ist. Das gute Stück verfügt sogar über eine Brusttasche, um dort Klein- oder besser, da weniger beulend, Papiergeld zu verwahren, falls man nach dem Kauf eines derartigen Edelteils noch über solches verfügt.

Jetzt muss ich leider zur Arbeit, und ich habe beschlossen, dass ich meine Jeans trage, die weniger als der Schlafanzug gekostet hat, damit dieser noch lange wie neu bleibt. Ich werde ihn zum Schutz einschweißen – in Folie, mit dem Vakuumfolienschweißgerät, und abends wieder auspacken. Vielleicht lasse ich ihn auch noch eine Weile eingepackt und trage ihn erst wieder, wenn ich im Frühjahr zur Konfirmation des Sohnes von Freunden eingeladen bin. Ehe ich in meinem billigen Anzug gehe…

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