“Ach, hätte ich doch 84 Jahre früher gelebt!”
Mit diesem Seufzer überraschte mich neulich meine Mutter. Wir hatten kurz vorher festgestellt, dass sie zu keinem der Weihnachtstage Zeit hatte, uns zu besuchen. Kein Wunder, denn meine Mutter ist Zeugin Jehovas und für Jehovas Zeugen ist zu Weihnachten der Terminkalender voll, damit keiner auf dumme Gedanken kommt.
Mutters Gedankengang war folgender, wie sie mir erklärte: Vor 84 Jahren hätten die Zeugen Jehovas nämlich noch Weihnachten gefeiert. Mutter wäre von dem, was die Zeugen lehren und leben, überzeugt, aber Weihnachten würde ihr fehlen, und so mit der Familie wäre es ja eigentlich auch schön.
Nun könnte man sich ja fragen, wie die Zeugen Jehovas, die sich ja als theokratische Organisation, als unmittelbar von Jehova gelenkt, verstehen, just 1926 zu der Erkenntnis gelangt sind, dass Weihnachten heidnischen Ursprungs und damit verdammenswert und heilshinderlich ist. Mit solchen Ansichten sind die Zeugen ja nicht allein – auch diverse Neonazis reklamieren Weihnachten und Ostern gern für ihr pseudogermanisches Traditionspatchwork.
Ein Zeuge Jehovas fragt so etwas natürlich nicht. Nicht, dass Jehova sich irren könnte, aber die Wachtturmgesellschaft hat immer Recht. Immerhin ist sie direkt von Jehova gelenkt, glauben die Zeugen, bzw, von “Jehova Gott”, wie sie sagen. “Jehova Gott” klingt für mich ein wenig respektlos, wie “Herr Müller” oder “Hausmeister Krause” oder zumindest unsinnig doppelt gemoppelt, denn: Wenn jemand dem Monotheismus huldigt, gleich welcher Form, bedarf es bei der Bezeichnung Gottes keiner näheren Spezifizierung. Logik, Sprach- oder Geschichtsbewusstsein sind solchem Glauben wie dem von Jehovas Zeugen natürlich nur hinderlich.
Auch dieses Jahr werde ich Weihnachten mit dem Rest der Familie feiern, ohne Mutter. Die wird reichlich Versammlungen haben, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Wie den hier:
„An und für sich ist es wahr, dass den Christen in der Bibel keineswegs geboten wird, Tannenbäume zu schmücken und Lichter anzuzünden, um den Geburtstag unseres Herrn und Erlösers zu feiern, und doch ist dies kleine bescheidene Bäumchen ein vorzügliches Symbol des Hoffens und Sehnens der ganzen bedrängten Menschheit und vermag so gut, eine stille Predigt zu sein überall da, wo es die Liebe angezündet und leuchten macht“
Dieser dumme Gedanke stammt aus dem “Wachtturm”, dem Zentralorgan der Zeugen Jehovas, vom 15. Dezember 1924. (Quelle) Auf noch dümmere Gedanken könnte einen dieses Zitat vom ersten Bibelforscher Charles Taze Russel bringen:
OBGLEICH wir der Annahme, dass dies der richtige Tag zur Feier der Geburt unseres teuren Erlösers sei, nicht beipflichten können, sondern vielmehr daran festhalten müssen, dass es annähernd der erste Oktober ist (Schriftstudien, Band 2), so ist dies doch unwesentlich, zumal der Herr einen Wunsch, dass wir seinen Geburtstag feiern sollten, nicht kundgegeben hat. Auch ist es von geringer Wichtigkeit, wann wir diesen Tag mit dem für uns alle so bedeutungsvollen Ereignis feiern. Für uns ist ist es daher auch nicht unpassend, dass wir uns an diesem so allgemein gefeierten Tage mit allen solchen vereint fühlen, deren Herzen so stehen, dass sie Gott und den Heiland lieben und wertschätzen. Die Gepflogenheit, einander kleine Geschenke zu dieser Zeit des Jahres zu machen, scheint uns sogar sehr gut zu sein.
(Quelle) Mit “uns” meinte Russell sicher Jehova und ihn. Es kann natürlich auch ein bescheidener Autorenplural gewesen sein.
Humor, Argumente oder Appelle an die Vernunft sind im Umgang mit Menschen, die sich einer totalitären Weltanschauung verschrieben haben, leider vollständig wirkungslos. Da hilft nur Hoffnung und Beharrlichkeit. Ich werde Mutter auch nächstes Jahr wieder zu Weihnachten einladen. Vielleicht hat sie ja irgendwann Zeit.
Lesetipp: Bei manfred-gebhard.de gibt es eine aufwändige Geschichte der Zeugen Jehovas. Nicht immer frei von Emotionen und leider unter Verwendung der “Comic Sans MS”-Schrift verfasst, aber reichlich mit Originaldokumenten im Faksimile versehen. Zum Thema Zeugen Jehovas und Weihnachten also das Jahr 1926 aufschlagen.








Ich bin ja auch so eine Mutter, die zu Weihnachten nie Zeit hatte. Meine letzte Feier Weihnachten 1947 beschreibe ich bei http://www.K-Kohout.de. In der Rückschau beklage ich vor allem den Zusammenbruch des sozialen Zusammenhaltes der Familie mit dem Wegfall der Tradition und der Rituale. Es ist nicht das Fest an sich, das man vermisst. Es sind die engen Familienbande die zerreißen und sich auch nicht mehr so ohne Weiteres wieder flicken lassen.
Schön, dass Sie den Ausstieg geschafft haben. Gut, dass Sie so offen darüber sprechen bzw. schreiben. Ich lese mit Interesse Ihre Seiten.
Bei meiner Mutter beobachte ich, dass die kleine und verstreut lebende Familie fast schon der letzte Kontakt zur Nicht-ZJ-Welt ist. Wenn sie von Freunden oder Bekannten spricht, sind das schon meist welche “aus der Versammlung”. Die Kontakte zu den alten Freunden schlafen ein – und ich kann es verstehen: Wenn sich jemand zu den Zeugen Jehovas bekennt, ist es schwer, mit ihm normal umzugehen, und wenn es so einfache Dinge wie Feier- oder Geburtstage sind oder überhaupt, Spaß im Leben zu haben. Umgekehrt stellen “weltliche” Bekanntschaften immer eine Gefahr für den Zeugen dar, vom Glauben abzufallen. Das bedingt sich gegenseitig. Da bleibt man lieber unter sich. Und wenn man dann erst einmal nur noch Freunde in der Versammlung hat, ist der Ausstieg aus der Gemeinschaft verbunden mit totaler Isolation.
Ich wüsste gern, was zu tun ist, dass es nicht so weit kommt.
@Carluv: Sie beschreiben genau die beabsichtigte Entwicklung. Man soll sich getrennt von “der Welt” halten, zu der alles zählt, was nicht zur Wachtturm Religion gehört. Man bekommt förmlich eingehämmert, dass die ganze Welt in der Macht des Teufels liegt und die vorsichtigen Kontakte, die man noch nach Aussen hält, geschehen in der Hoffnung, dass man sie für das “Überleben in Harmagedon” gewinnen kann. Das ist das Motiv für ihr Fortbestehen. Die einzige Gegenmedizin ist der Zweifel. Wenn es durch ehrliche Fragen, die einen berechtigten Zweifel begründen, gelingt, zum denken und Nachforschen und Hinterfragen zu ermutigen, gibt es eine Chance, den Weg heraus zu finden.
ja, so ist das wenn man keine eigene meinung hat! es wäre z.b. einfach die familie deutlich vor dem zusammenbruch oder bei den ersten zerfallserscheinungen einzuladen. wer sich nicht vom kalender manipulieren lässt erkennt wenns nötig ist – ob nun zusammensitzen oder zusammen wandern oder kegeln gehen oder singen oder beschenken oder …
Aber es ist ja einfacher sich an den mob zu hängen.
peter pan
Die Weisheit hätte ich gern, die da vorausgesetzt wird: Die ersten Verfallserscheinungen als solche zu erkennen. Ich halte diese Sicht für zu stark vereinfachend.
Und was heißt “sich an den Mob zu hängen”?
Leider ist es auch nicht mit einfachen Einladungen getan. Wenn sie nicht durch eine Übergeordnete Tradition bedingt sind, gibt es viel zu leicht “wichtige” Termine oder Gründe, sie nicht anzunehmen. Ein durch Sekten gesteuertes und verändertes Denken und Verhalten führt in sehr vielen Fällen zu Kommunikationsproblemen. Der Rückzug aus einer dann eher schwierigen Beziehung ist eher die Norm. Das Vorurteil, jemand der unter den Einfluß eines totalitären Kultes geraten ist, hätte keine eigene Meinung, ist leider völlig falsch. Diese Menschen hatten nur das Pech, dass sie den verführerischen Versprechungen zu einer Zeit vertraut haben, da sie starke emotionale Sehnsucht nach Geborgenheit, Gerechtigkeit oder Antworten auf ihre zweifelnden Fragen hatten.
Vor vielen Jahren lebte in unserer Nachbarschaft eine Familie, die den ZJ angehörten. Die Kinder durften damals nicht mit unseren Kindern spielen, und grausam, wie Kinder manchmal sein können, machten sich unsere manchmal einen besonderen Spaß daraus, diese “andern” zu ärgern. Sie haben sich nie gewehrt, sondern liefen immer weg. Die ganze Familie kapselte sich ab von der Nachbarsgemeinschaft.
Wie kann es sein, dass Eltern ihren Kindern so etwas zumuten. Wie kann soviel Fanatismus entstehen? Wenn man einer solchen Gemeinschaft beitritt, ist man doch nicht auf der Stelle Feuer und Flamme und zieht selbst die eigenen Kinder aus dem normalen Spielen und Leben heraus. Wie groß muss die Verunsicherung sein, dass man alles Bisherige hinter sich lässt und nur dieses Eine als wahr und allgemeingültig annimmt? Ich habs nie verstanden. Die Kinder haben mir so Leid getan.
Diese traurige Geschichte wiederholt sich leider tausendfach. Die Eltern wollen ihren Kindern keineswegs etwas zumuten. Die Abkehr von einem früheren Glauben erfolgt schleichend und ist nur möglich, weil die Werber für eine “neue Ordnung” geschickt emotionale Sehnsüchte ausnützen um sich selbst als die von Gott gesandten und beauftragten Überbringer der einzigen “Wahrheit” darzustellen. Die Abkapselung von allem Früheren und der übrigen Welt ist die Grundvoraussetzung, dass man dann ihren Lehren und Ansprüchen bedingungslos folgt. Man glaubt dem Versprechen, dass es einmal in einem Zukünftigen Paradies keine Ungerechtigkeit mehr geben wird. Man sehnt sich nach dem versprochenen Frieden, der Gesundheit, dem materiellen Wohlstand, der befriedigenden Arbeit für alle, dem Wiedersehen mit den Verstorbenen. Was wiegt da schon der Verzicht auf Weihnachten und Geburtstag im Vergleich zum ewigen Leben, das Gott den Gehorsamen schenken wird?
Mit Vernunft ist sowas nicht zu erklären. Darum wird gezielt an das Gefühl appeliert und die Entscheidungen fallen auch nur durch die kognitive Wahrnehmung.
Das klingt, als ob erhebliche psychische und emotionale Defizite die Voraussetzung wären, um ein Mitglied solcher Gemeinschaften zu werden und (durch verschiedenste Techniken der Organisation) zu bleiben. Nun stelle ich mir diese Versammlungen als Zusammenkünfte von durchweg verletzten und verstörten Menschen vor. Ist es so? Stützt man sich gegenseitig in seinem Leid? Erfährt man dadurch und durch die Indoktrinationen der “Macher” tatsächlich Kraft und Vertrauen?
Für einen großen Teil der Neubekehrten trifft Ihre Beschreibung tatsächlich zu. Die Hineingeborenen haben einen besonderen, wenn auch sehr schwierigen Stand. Kinder sind einerseits sehr leicht zu begeistern, andererseits aber auch sehr verletzlich in ihrer Seele. Dass man zu den “verletzten und verstörten” gehört ist einem in der Regel leider nicht bewußt. Die Flüchtlinge, Umsiedler, diejenigen die Zukunftsängste haben weil sie den Arbeitsplatz verloren haben, die in Scheidung leben, die jemanden durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit verloren haben… Es sind Menschen, die Trost und Hoffnung suchen und sie auch tatsächlich in dieser Gemeinschaft zunächst finden. Was zum erneuten Trauma führen kann ist eben der Verlust aller sozialen Bindungen. Zuerst wenn man sich der Gemeinschaft anschließt und dann noch viel dramatischer, falls man sie nach vielen Jahren wieder verlassen möchte oder ausgeschlossen wird, weil man den Anforderungen nicht mehr gerecht wird.
Bei meiner Mutter war es auch so.
Dazu muss ich ein bisschen erzählen: Eigentlich sind wir evangelisch. So bin ich erzogen worden, ernsthaft, aber niemals eifernd gläubig. Irgendwann kamen wir dann in Kontakt zu den Zeugen Jehovas, da war ich 14/15, vielleicht auch schon 16. Meine Mutter wurde von zwei Frauen unterrichtet und ich zu zwei Männern zum Unterricht geschickt. Ich kenne die ZJ von daher auch fast von innen. Auf mich haben sie aber wenig Eindruck gemacht, erstens, weil sie so humorlos waren, zweitens, weil ich leidenschaftlich gern Blutwurst aß und Bier trank und rauchte und zur Disko ging und, vor allem, weil ich dann eine Freundin hatte. Darauf zu verzichten, wäre von einem Teenager zu viel verlangt, und sei Harmageddon noch so nah. Und die Bibelauslegungen der Zeugen sind sehr fragwürdig, das ist mir schon damals aufgefallen. Einmal war ich sogar bei der Abendmahlsfeier, in einer Wohnung. Das war allerdings eine traurige Veranstaltung! Kein Schmuck, nichts von Fest, kaum Gesang, ein einziges Trauerspiel. Wenn wenigstens einer der 144.000 Auserwählten dabeigewesen wäre! Das hätte mich sicher beeindruckt.
Wenn ich mich jetzt so erinnere, haben sie wahrscheinlich doch mehr Eindruck gemacht: Ich kann mich noch deutlich an das Angstgefühl erinnern, auf der Straße zu rauchen oder meine Freundin zu küssen und dabei evtl. von einem der Zeugen gesehen zu werden. Die soziale Kontrolle hat schon funktioniert.
Beeindruckt hatte mich, dass die Zeugen Jehovas trotz Verbots – es waren die frühen 80er Jahre in der DDR – ihren Glauben lebten, den Wehrdienst verweigerten und sich nicht an den so genannten Wahlen beteiligten. Das hatte auch so eine Art revolutionäre Romantik.
Später hat sich der Kontakt verloren. Ich habe mir irgendwann zu sagen getraut, dass ich nicht mehr hingehen will, meine Mutter hat ihren Unterricht später auch aufgegeben.
Viele Jahre später, nach dem Tod ihres Enkels, meines Neffen, waren wir alle am Boden zerstört. Da kamen wieder Zeugen zu meiner Mutter, und sie hat sich auf sie eingelassen. Bei den ZJ hat man man sich ausreichend Zeit für sie genommen, genau das, was sie brauchte, wenn es auch mit der Motivation geschah, sie für die Versammlung zu gewinnen. Und sie haben bestimmt auch noch einen Grund gefunden, warum der Kleine sterben musste. Da möchte ich gar nichts Genaueres wissen – die sind da ohne Erbarmen, wie ihr Gott.
Ich glaube, dass es eine bestimmte Prädisposition gibt, ohne, dass man gleich von Verletzung oder Verstörung sprechen muss, um für die Lehre der Zeugen Jehovas anfällig zu sein. Auf jeden Fall sollte man eine autoritäre Grundeinstellung haben und froh sein, wenn man gesagt kriegt, wo und wie es lang geht. Ein romantischer Geschichtspessimismus ist auch gut (“Früher war alles besser.”) und ein rigoroser Moralismus kann ebenfalls nicht schaden, besonders, wenn man an sich selbst so hohe Ansprüche stellt, dass man sie nie erfüllen kann. Das ist im protestantischen Umfeld nicht ungewöhnlich.
Keine dieser Eigenschaften führt zwangsläufig in die Arme der Zeugen Jehovas, manches davon zeichnet Menschen aus, die Großes geleistet haben und leisten. Aber sie sind eben ein Nährboden für Irrlehren verschiedener Natur, und wenn man dann noch in einer persönlichen Krise abgeholt wird, kann man leicht zum Opfer werden. Und wenn man einmal drin ist in der “Versammlung”, kommt man schlecht wieder heraus.
Das ist mal wirklich eine hervorragend erfasste Beschreibung! Ich bin sehr beeindruckt und kann nur uneingeschränkt zustimmen. Genau so wie Sie das beschreiben trifft es den Kern. Es ist für mich tröstlich zu fühlen, dass Sie mit Ihrer Mutter Mitgefühl haben können und sie Ihrerseits einfach nehmen wie sie ist und die Brücke zurück nicht niederreißen.
Ich wünsche Ihnen sehr viel Glück, Freude, Frieden und Gesundheit und mit Ihrer Mutter fühle ich mich verbunden
Liebe Grüße
Barbara Kohout
Aus diesem Blickwinkel hatte ich es noch nie gesehen: gesagt kriegen wollen, wie es lang geht, romantische Verklärung der Vergangenheit und hohe moralische Ansprüche. Ein Schicksalsschlag allein macht wohl noch nicht anfällig, sonst würden die ZJ den größten Teil der Welt bevölkern. Aber Menschen mit dem genannten Hintergrund und vielleicht mit noch ein paar dummen Zufällen kann ich mir nun auch in einer solchen Gemeinschaft vorstellen. Komisch. Neonazis sind verboten, weil sie anderen schaden. Wieso sind die Praktiken dieser Sekte eigentlich erlaubt?
Auf welcher Grundlage sollte man sie denn verbieten? Schließlich gilt Religionsfreiheit, und das ist auch gut so.
Ja, Religionsfreiheit ist sehr gut. Verbieten ist immer ein Rückschritt. Das höherwertige Gut ist die Freiheit. Jedoch sollte wohl nicht alles unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit tolleriert werden. Wer Freiheit für sich reklamiert sollte sie auch anderen uneingeschränkt zugestehen. Die Bedrohung mit sozialem Tod behindert die persönliche Entscheidungsfreiheit, die Gewissensfreiheit, die Meinungsfreiheit. Solche Glaubenspraktiken zum Schutz der Organisation sind nach meiner Meinung nicht mit den Grundrechten eines freiheitlichen Staates vereinbar. Es sind solche Vorschriften, die man mit dem gleichen Maß messen sollte wie zum Beispiel den Ehrenmord oder die mittelalterlichen Vorschriften der Inqusition. Es ist ein Segen für die Freiheit, dass man sowas im 21. Jahrhundert nicht mehr duldet. Trotdem bleibt es dem einzelnen Gläubigen überlassen, ob und zu welcher Religion er sich bekennen möchte.
Die Bezeichnung “soziale Tod” klingt sehr polemisch, ist aber wahrscheinlich angebracht. Aber insgesamt ist das das Dilemma der Demokratie, dass sie auch den Antidemokraten dieselben Rechte gewährt.
Die Zeugen Jehovas sind zwar alles andere als demokratisch, versuchen aber nicht, das staatliche System zu ändern, egal, wo auf der Welt sie leben, egal, ob es angebracht wäre, oder nicht. Während es in der DDR z. B. ein Zeichen von Mut war, nicht zur Wahl zu gehen, ist es heute Unsinn.
Ich halte auch das inzwischen erfolgreiche Streben der Zeugen Jehovas nach Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts für verlogen: Einerseits lehnen sie den Staat als Satanswerk ab, andererseits nutzen sie die Steuervorteile, die der Status mit sich bringt. In dem Zusammenhang sicher noch viel einträglicher sind die eingeschränkten Rechte der Arbeitnehmer – nicht, dass die noch auf die Idee kämen, einen Betriebsrat zu gründen oder mehr Lohn zu verlangen!
In Bezug auf die Indoktrinierung kann man die ZJ wohl mit Scientology vergleichen, die ja genauso viel Zeit von ihren Mitgliedern verlangen, dass die dann außerhalb keine Freunde mehr haben. Auch das elitäre Element ist da und Aussteiger werden ebenfalls sozial isoliert. Bei Scientology ist aber klar, dass es um Geld geht, und der Anwerbung durch Scientology kann man entgehen, indem man sagt oder behauptet, einen negativen Schufa-Eintrag zu haben.
Wie ist das nun bei den Zeugen Jehovas? Wieviel muss jedes Mitglied so im Monat beisteuern? Ist das wirklich alles so freiwillig, wie gesagt wird? Ich zweifle daran.
Die Bezeichnung “sozialer Tod” stammt nicht von mir. Sie wird von dem Vorsitzenden der Traumatologie Gesellschaft in Deutschland gebraucht, der in seiner Klinik für Psychosomatische Erkrankungen häufig mit Kultgeschädigten zu tun hat. Die Methode der Zeugen Jehovas, Exmitglieder mit der totalen sozialen Isolierung zu bestrafen nennt er wörtlich: die Bestrafung mit sozialem Tod. Der Verlust aller Freunde, Familienmitglieder und der gewohnten sozialen Kontakte ist ein Trauma, das viele nicht ohne Hilfe bewältigen können. Diese Strafe führt leider sehr häufig zu der Notwendigkeit, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben aber nicht selten auch zum Suizid. Jehovas Zeugen sagen, dass sie ihre Aktivitäten ausschließlich durch freiwillige Spenden finanzieren. Sie haben eine sehr subtile Methode durch sublime Wort-Botschaften auf die Notwendigkeit zu spenden aufmerksam zu machen. Es wird stets an das Gefühl appeliert. Da wird in der Bibel über Witwen berichtet, die ihr letztes Schärfleich in den Tempelschatz geben oder mit dem letzten Mehl für einen Propheten ein Brot backen und daran kann man sich dann ein Beispiel nehmen, ob man auch alles gibt was man hat. Um auch neuzeitliche Vorbilder zu nennen gibt es dann die Geschichte von dem kleinen Jungen, der sein Sparschwein schlachtet um seine Ersparnisse anstatt für ein heiß ersehntes Spielzeug, lieber als Spende in den Spendenkasten zu geben. Die Beispiele könnte ich noch endlos vertiefen.
Es geht immer darum, dass man es als Gabe für Gott und als Förderung der Königreichsinteressen gibt. Die Gleichung: Wachtturm-Gesellschaft ist Vertretung Gottes auf Erden, funktioniert in Verbindung mit der Überzeugung, dass man die alleinige Wahrheit besitzt. Doch geschichtlich gesehen ist das ja nicht neu.
Sind ZJ in tiefstem Herzen von dem überzeugt, was ihnen vorgetragen und eingetrichtert wird? Wenn einer an die Organisation Geld spendet, obwohl er nicht viel hat, oder aber seine Familie nicht mehr besucht, weil sie nicht zur ZJ-Gemeinschaft gehören – hat man das Gefühl, das Richtige zu tun? Werden – durch welche Methoden auch immer – wirklich alle Zweifel ausgeräumt?
Von Natur aus sind wir doch so nicht gestrickt. Unser modernes Leben verlangt ja geradezu, dass wir Dinge hinterfragen und uns eine eigenständige Meinung zu bilden, um authentisch zu sein. Oft genug wird dies auch an Arbeitsstellen unterbunden, und die Menschen leiden darunter, wenn sie sich nicht mehr entwickeln können und Freiräume genommen werden. Man läuft zum nächsten Freund und spricht sich solchen Kummer von der Seele, weil es einfach unnatürlich ist, das eigene Denken andern zu überlassen und willig zu tun, was einem gesagt wird.
Was passiert mit den ZJ, dass sie die Einschränkung ihrer Denk- und Entscheidungsfreiheit nicht vermissen? Ist die Identifikation mit den Lehren so groß, dass es keine Zweifel gibt? Niemals der Gedanke, man könnte auf seinem Lebensweg falsch abgebogen sein?
Solche Zweifel werden dem Zeugen Jehovas vergehen, weil er immer wieder gesagt bekommt: Wer die Wahrheit, d. h. die Lehre der ZJ erfahren hat und dann aussteigt, der ist für immer verloren. Und das meint nicht nur auf dieser Welt, sondern auch in der “Neuen Welt”, dem Paradies auf Erden, die die ZJ erwarten. Und das ist eine harte Drohung, nicht mehr zur Elite zu gehören, zu den Auserwählten, sondern zu den anderen, den Verworfenen, die die letzte Schlacht zwischen Jehova und Satan nicht überleben und dann mit Satan vernichtet werden. Die Zeugen Jehovas pflegen übrigens die Schlacht Harmageddon, sehr plastisch und reich an Ausschmückungen grausamster Art zu beschreiben, erinnernd z. B. an Gemälde von Otto Dix. Diese Bilder hat man immer im Kopf.
Und dann gibt es ja ständig neue Indoktrination. Als Zeuge Jehovas hat man dauernd Termine: Versammlung, Unterricht, Verkündigung und ist damit ständig unter Kontrolle.
Irgendwann hat man dann soviel investiert, dass man gar nicht mehr aufhören will, schon, weil man meint, jetzt kurz vor dem Ziel zu sein. Auch das kriegt man immer wieder gesagt, dass es bald soweit ist und das Ende der Welt nahe und alle treuen Diener ihren gerechten Lohn erhalten.
Die Wachtturm Lehre ist: “Du musst Deine alte Persönlichkeit ablegen und die neue Persönlichkeit anziehen, damit Du mit einem gut geschulten Gewissen handeln kannst. Nur so bekommst Du Gottes Anerkennung.” Obwohl hier ganz offen gesagt wird, dass der Mensch in seiner Persönlichkeit umgeformt wird und dass sogar das Gewissen nicht mehr nach dem eigenen Empfinden reagieren darf, sondern so wie es von der Organisation geschult wird, ist diese Umformung so subtil erfolgt, dass man von der Richtigkeit und Notwendigkeit überzeugt ist. Sollte man in sich abweichende Gedanken oder Gefühle verspüren, dann weist man sich selbst zurecht und versucht umgehend wieder stark im Glauben zu sein um nicht “von der eigenen Versuchung fortgezogen und gelockt zu werden”.
Diese Vorgänge sind sehr komplex und sind besonders in den Beiträgen über “Jehovas Zeugen und ihre Ängste” näher beschrieben.
http://gedankenblaetter.blogspot.com/
Gottohgott. Ich habe eben über die Ängste durch sublime Manipulationen gelesen. Dass Menschen so eingefangen werden können, macht mich sprachlos, aber man hört ja immer wieder davon. Bei den Scientologen und anderne Sekten läuft es sicher nicht anders ab. Es fällt mir immer noch schwer mir vorzustellen, dass diese Menschen jeden Tag zur Arbeit gehen, sich also den größten Teil des Tages unter “Weltmenschen” bewegen , und dennoch all diese schrecklichen Botschaften der ZJ glauben. Aber die Psyche ist ein Mysterium.
Gibt es eigentlich heute noch zahlreiche Menschen, die sich diesem Teufelswerk ZJ anschließen? Es mag früher anders gewesen sein, aber heute hat doch jeder zumindest schon einmal davon gehört, dass Sekten gefährlich sind. Wenn Bibelforscher an meiner Haustür klingeln, lasse ich sie nie rein. Sie versuchen es immer wieder, aber bei mir haben da immer schon alle Alarmglocken geschrillt. Gibt es tatsächlich noch Menschen, die sich von sowas überzeugen lassen?
Ich war für ca. 20 Jahre “am Haken” dieser Religionsbewegung und möchte bemerken, dass ich gefühlsmäßig von Anfang an gar nicht dafür war. Da war zuerst das scheinbar Intelektuelle, was mich angezogen hat, die scheinbaren Beweise, dass Dreieinigkeit falsch, dass alles in den Kirchen falsch sei. Irgendwann zogen meine Gefühle nach und ich begann, alles zu lieben. Erst als mein Verstand begriff, dass die ZJ-Lehren Unfug sind, kam ich gefühlsmäßig wieder los von dem Leim:) Es braucht keine emotionale Krise, um ZJ zu werden! Manchen überzeugen die Scheinargumente, vielleicht besonders Jugendliche!
Das Beeindruckende an der totalitären Lehre der ZJ ist ja, dass sie die ganze Welt erklärt. In sich ist das alles stimmig. Fast, jedenfalls. Ich erinnere mich, dass ich nicht glauben konnte, dass einerseits alle Krankheiten von Satan in die Welt gebracht worden wären, andererseits Jehova mit den Geschlechtskrankheiten die Unzucht der Menschen bestrafen wolle. Und dann haben sie die Erklärungsnot, dass die theokratische Organisation ja dauernd irgendwelche Voraussagen über den Zeitpunkt des Weltendes gemacht hatte. Wenn ich richtig informiert bin, haben sie das 1972 aufgegeben und seitdem glauben alle Zeugen, dass man den Zeitpunkt nicht vorausberechnen kann. In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, sich mal von einem Mitglied die göttliche Arithmetik erklären zu lassen: Da ist, je nach Bedarf, ein Tag wie 1.000 Jahre oder 1.000 Jahre sind wie ein halber Tag. Da kann man schon durcheinanderkommen. Der eigentliche Fehler ist, dass man die Angaben, die beide aus dem AT sind, nicht wörtlich nehmen darf, sondern sie von ihrn jeweiligen Autoren als Metapher für die Größe Gottes verwendet wurden. Die größte intellektuelle Herausforderung, die die Zeugen an ihre Mitglieder stellen, ist auch, m. E.: Die Bibel als von Gott diktiert und verbindliche Lebensanweisung zu betrachten. Allerdings sind sie mit dieser Ansicht nicht allein, das gibt es auch in den großen Kirchen und in vielen Freikirchen.
“Zahlreich” ist relativ. Aus meiner persönlichen Perspektive ist schon ein Konvertit einer zuviel. Sie sprechen zu Recht auch andere Gruppen an, die ebenfalls über die Manipulation der Psyche ihre Ziele verfolgen. Wie es bereits in einem vorherigen Beitrag so treffend geschildert wurde, ist die Gefahr immer dann am Größten, wenn mehrere negative Faktoren zusammen treffen. Derzeit ist es in Deutschland häufig das Klientel der Zuwanderer und der Menschen die durch persönliche Schicksale an den Rand der Gesellschaft geraten sind. Es sind weniger Menschen aus stabilem Umfeld. Aber auch Jugendliche in einer gewissen Phase der Sinnsuche und vor allem die Hineingeborenen sind oft bedauerliche Opfer. Psychisch zerstörerische Praktiken öffentlich zu ächten sollte meiner Meinung nach ein Anliegen sein, dass eine mündige Gesellschaft auch von ihren Volksvertretern einfordert.