Was ist es, das die Fußballfanwelt im Innersten zusammenhält?
Gestern wollte der Autor es wissen: Was ist es, das die Fußballfanwelt im Innersten zusammenhält? Das eine ist, eine hübsch anzusehende und gut aufspielende Mannschaft zu haben, der die Daumen zu drücken Spaß macht. Aber was ist das andere, das Menschen zu tausenden in die prallste Sonne lockt, wo sie, wenn man den Fernsehbildern glauben darf, unheimlichen Spaß miteinander haben? Gefragt, getan, zum Public Viewing aufgemacht.In nichts als eine Deutschlandfahne gehüllt
Schon auf dem Weg zum Stadion beschlich mich das Gefühl, bei weitem nicht der Einzige auf dem Weg zu sein, aber sicher der Einzige, der ungeschminkt und unbeflaggt herumlief. Ich kam mir quasi nackt vor, obwohl, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich sommerlich, aber bekleidet war. Das konnte man nicht von allen Besuchern, die übrigens überwiegend jung, männlich und in Kleingruppen unterwegs waren, behaupten. Ich möchte sogar behaupten, dass der eine oder andere seinen zwar jungen, aber nicht unbedingt sportiv-ansehnlichen Körper in nichts als eine Deutschlandfahne gehüllt hatte, die aber so reichlich bemessen war, dass in den meisten Fällen die Blöße bedeckt war. Das ist der Moment, wo man seine Liebe zur Fahne entdecken kann, während man bei sich Thesen aufstellt, welche interessanten chemischen Verbindungen der dank 35° C und reichlich Bier in Strömen heiß fließende Schweiß mit dem synthetischen Fahnenstoff wohl eingehen mag. Eigentlich wollte ich es nicht wissen, aber aufstrebende Biochemiestudenten sollten sich des Themas in Seminararbeiten annehmen, um dröge Naturwissenschaft und feuchtfröhliche Sportfestkultur zu versöhnen.
Vuvuzela rechts und Bier links
Die Hände der jungen Männer, die mehr als eine Fahne auf sich trugen, waren mit je einer Vuvuzela rechts und einer Flasche Bier links bestückt, die in regelmäßigem Wechsel zum Mund geführt wurden. Die anliegenden Händler haben sicher das Geschäft ihres Lebens gemacht, während der ansässige Hörgeräteakustiker seinen Laden geschlossen hielt und freudig künftiger Geschäfte harrt. Zwischen Vuvuzela und Bier verließ das eine oder andere “Oitschlaand” die Münder der Jungmänner, deren Strom, je dichter wir ans Stadion kamen, breiter und breiter wurde. Manche von ihnen waren auch schon breit, oder dicht, je nachdem, wie man es sagen möchte, und der Glanz ihrer Augen war nicht die Zierde ihres Antlitzes.Insgesamt war der Eindruck derselbe, wie an einem Freitagabend auf einer Tankstelle irgendwo auf dem Land, nur viel größer und lauter und dass offenbar das ganze Umland seinen Nachwuchs in die Stadt ergossen hatte.
Mandy, Cindy, Nigoll und Sandy
Gelegentlich waren auch junge Frauen zu sehen. Sie trugen Hüte, schwarz-rot-gelb, versteht sich, T-Shirts oder Bikini über dem Arschgeweih und riefen sich gegenseitig mit Namen. Dass sie alle Mandy, Cindy, Nigoll und Sandy hießen, kann unerwähnt bleiben. Im Gegensatz zu ihren männlichen Begleitern hatten sich diese jungen Frauen wenigstens den Anschein der Jugendlichkeit bewahrt. Im Gegenteil zu dem Mann, den ich darauf sah: Er trug nichts als eine DDR-Fahne, so mein erster Eindruck. Der zweite: Das war kein Emblem vorn in der Mitte, das war ein Gemächt! Nach einem mächtigen Schrecken stellte es sich aber doch als bedruckte Badehose heraus. Ich muss aus der Sonne. Nur wie?Aura aus heißem Polyester und körperwarmem Schweiß
Näher am Stadion verdichtete sich das Gedränge. Beim Public Viewing kommt man sich auch und vor allem körperlich näher. Eine geschwenkte Fahne streifte mein Gesicht, ich war umweht von einer Aura aus heißem Polyester und körperwarmem Schweiß verschiedenen Alters. Der Fahnenträger war offensichtlich nicht zum ersten Mal hier. Was passiert eigentlich, wenn ich da hineingehe und Deutschland ein Tor schießt? Die werden jubeln, ihre schwitzigen Hemden und Fahnen schwenken und die darauf befindlichen chemisch unanalysierten Säfte verbreiten! Man wird sich um den Hals fallen, und die mit nichts als einer Fahne bekleideten Fans werden auch nicht davor zurückschrecken, diese Fahne zu lüften! So viel Bier gibt es nicht, um sich diesen Anblick schönzutrinken! Diese trüben Aussichten wurden akustisch untermalt vom Lärm der Vuvuzelas und von Mandy, die offenbar den Blickkontakt zu Nigoll verloren hatte und den sehr akustischen Kontakt mitten durch mein eben noch funktionierendes Hirn suchte.
Experiment gescheitert
Das war der Punkt, an dem ich das Experiment für gescheitert erklärte. Ich schwamm gegen den Menschenstrom, überlegte noch kurz, ob ich dem in der Arena neben dem Stadion stattfindenden Kongress der Zeugen Jehovas einen Besuch abstatten wolle, wo man sicher besser und überhaupt gekleidete und weniger laute Menschen antreffen würde. Lustiger wäre es dort aber sicher auch nicht zugegangen. Also eilte ich in mein trautes Heim, wo die Katze meiner harrte, und genoss das Spiel so, wie es sich gehört: Auf dem Sofa, ein kaltes Bier in der Hand und eine warme Katze auf dem Bauch. Und wenn mir ein Jubel entfuhr, erschrak nur die Katze. Fußball ist die schönste Art der Verdummung, aber bitte nicht in aller Öffentlichkeit!
P. S. Immerhin weiß ich jetzt, wie man “public viewing” adäquat ins Deutsche übersetzt: “Pöbel gucken”. Und ich habe gelernt, was das englische Wort “chav” heißt, dem ich bei der Betrachtung der tätowierten Präsidentengattin noch ratlos gegenüber saß. Bei der Gelegenheit ist noch anzumerken: Mit der potentiellen oder der abgelegten Frau Gauck wäre das nicht passiert!
P.P.S. Apropos nackte Haut: Wenn Sie, geifernder geehrter Leser, auf das Oben-Ohne-Foto der reizenden Dame klicken,
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