Diese Woche…

…war ja mal eine richtig spannende in Deutschland. Am Montag trat der beleidigte, dennoch beliebte Bundespräsident Horst Köhler zurück. Warum er zurücktrat, weiß niemand, aber schade ist es nicht. Warum er beliebt ist, lässt sich leicht sagen: Es ist vor allem seine biedere Mittelmäßigkeit, die niemandem Angst einflößt: Diesen Mann hat von den meisten Bundesbürgern wenig getrennt, mit dem fällt die Identfikation leicht. Er überragt und verunsichert nicht durch Charisma, seine holperigen Reden sind nicht besser als die Geschäftsberichte der meisten Vereinsvorstände, die wir jährlich über uns ergehen lassen müssen.
Das ist volksnah, weil es gewöhnlich ist. Seine Schelte über “die in Berlin” war nicht nur gewöhnliches Stammtischniveau, sondern darüber hinaus lächerlich, zeigte sie doch vor allem eines: Er hat nicht verstanden, dass er selbst unter “denen in Berlin” der Erste war. Nun ist er im Ruhestand. Um es mit Wowereits geflügelten Worten zu sagen: Und das ist auch gut so.

Erst dachte man, das Theater um den neuen Bundespräsidenten ist ein prima Nebenschauplatz, während die Regierung ihr Sparpaket und damit unsere Gürtel enger schnallt bzw schnallen lässt.

Gefehlt! Binnen drei Tagen hatten wir eine Beinahe-Präsidentin von der Leyen, die dem gehässigen Internetvölkchen sicher noch mehr Freude bereitet hätte, als es der Bundeshorst schon konnte. Und nun haben wir ihn, den Wulff, als Kandidaten. Sein größter Vorteil: Er ist nicht so schnell zu beleidigen. Und er wäre der erste Bundespräsident mit einer Facebook-Seite. Wenn das nicht so etwas von jugendlich und webaffin ist, dass man gleich in lauten Jubel ausbrechen möchte! Übrigens hat der Gute seit gestern die Anzahl seiner Fans von 13 auf 353 erhöht. Das nennt man Wachstum.
Dem Vernehmen nach hat die Bundeskanzlerin Wulffs Kandidatur schon am Dienstag beim Abendessen unter vier Augen ausgekungelt, während Frau von der Leyen sich noch im Abglanz des Abgangs des Köhlers sonnte. Sie wusste offenbar auch nicht mehr als Bild. Im ZDF erklärte Zensursula strahlend, dass die Entscheidung für Christian Wulff “vor allem für Niedersachsen ein Gewinn” sei. Der neben ihr strahlende Kandidat hat die Süffisanz nicht bemerkt oder sich nicht anmerken lassen. Ein Köhler wäre sofort zurückgetreten. Eine von der Leyen hat zurückgetreten, charmant wie immer.

Die SPD samt den Grünen haben es aber geschafft, mit der Nominierung von Joachim Gauck der Koalition vollends die Schau zu stehlen. Der Norddeutsche ist Pfarrer im Ruhestand, Ossi ohne Ossiweinerlichkeit, unbelastet durch die DDR gekommen, aufrechter Demokrat, Optimist, Kommunistenfresser und ein brillanter Redner – dazu parteilos und mit Erfahrung in hohen Staatsämtern. Er dürfte der erste und einzige Kandidat für das Bundespräsidentenamt sein, nach dessen Namen ein Verb in die deutsche Sprache eingeführt wurde: “gaucken”, also auf mögliche Zusammenarbeit mit dem Ministerium der Staatssicherheit der DDR überprüfen. Davon abgesehen, dass er für manche im Osten das lebende Mahnmal ihrer eigenen mehr oder minder großen Verstrickung mit dem DDR-System ist, wäre er der ideale Kandidat, und zwar für die Koalition. Dass eine Frau Lötzsch, auf Gauck angesprochen, in die Rhetorik der 50er Jahre verfällt (“rückwärtsgewandt”), ist aus ihrer und der Position vieler Mitglieder Der Linken nicht verwunderlich. Die Linke hat nun die Ar***- resp. rote Karte gezogen – sie sind aus dem Rennen und haben nur die Chance, einen gänzlich chancenlosen Kandidaten aufzustellen. Aus Unterhaltungsgründen wünscht man sich, noch einmal Peter Sodann über Kreuzworträtsel auf dem Klo sinnieren zu hören, aber empfehlen möchte man das Der Linken nicht.

Jetzt haben wir also ein ungleiches Paar Kandidaten. Neben Gauck ist Wulff wieder das Jüngelchen, das erst zum Zuge kam, als Politprofi Schröder aus dem Wege war. Arithmetisch hat Gauck keine Chance, und wahrscheinlich heißt der nächste Bundespräsident Christian Wulff. Und es wird alles sehr, sehr langweilig werden.

Aber vielleicht kommt alles doch noch ganz anders: Alle, die sich jemals von Angela Merkel ausgebootet oder abserviert gefühlt haben, und deren Zahl ist erheblich, wählen klammheimlich Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten. Dann springt die Kanzlerin auf und nieder vor Wut und verliert zum ersten Mal öffentlich die Contenance. Dann geht sie in die Wirtschaft und Wulff wird doch noch Kanzler. Die FDP wirft das Handtuch. Auch der Mister Wirtschaft aus Hessen überlegt es sich noch einmal und wird irgendetwas und Außenministerin von der Leyen kommentiert, immer noch mit reizendem Lächeln: “Das war eine gute Entscheidung, besonders für Deutschland.” Und die SPD, so wie wir sie kennen, macht mit. Das ist alles auch nicht so verlockend, aber immerhin hätten wir bei diesem fantastischen Szenario einen besseren Bundespräsidenten.

Ach ja, eines noch: 28,50 €! Nein, das ist nicht der neue Stundensatz von Rüttgers, das ist der Preis des neuen Personalausweises mit Speicherchip. Jeder versierte Bastler könnte das Ding wahrscheinlich für 3,50 mit Teilen von Conrad bauen, aber nein, wir haben es ja. Bzw., sie nehmen es sich einfach von uns. Man muss es diesem Staat noch einmal deutlich sagen: Ein Personalausweis hat keinen anderen Zweck als den, dass der Staat damit seine Bürger besser überwachen kann. Das ist schon frech genug, aber mangels Alternative muss man es als Bürger hinnehmen. Dass der Staat seine Position der Stärke derart schamlos ausnutzt und die Gebühr für einen aufgezwungenen Ausweis verdreifacht – man wird auch das hinnehmen müssen, wie den neuen Bundespräsidenten, wie er auch heißen mag.

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