In Stahlgewäschen

Blättern Sie gern in Katalogen? Ich nicht, mit wenigen Ausnahmen. Zum Beispiel der Manufactum-Katalog hat es mir angetan. Dort findet man Dinge, die ein Leben lang halten, was sie versprechen, wie zum Beispiel die Edelstahl-Katzenköpfe, die man in Baum oder Beet hängt und die dann dafür sorgen, dass keine Katze das Beet verunreinigt. Es kann auch etwas mit Vögeln gewesen sein. Leider sind die Preise der edlen Dinge mitunter so gestaltet, dass man zwar weiß, dass das Produkt zwar ein Leben lang hält, man andererseits in diesem Leben nicht das Geld hat, sich dieses Produkt zu kaufen. Da hilft nur, auf ein Leben nach dem Leben zu hoffen. Das ist die Transzendenz des Edlen und Teuren.

Nicht bei Manufactum, sondern wahrscheinlich bei Waschbär, dem anderen Katalog, der mich schwach machen kann, habe ich zum ersten Mal ein Produkt entdeckt, das mich seitdem emotional nicht mehr losgelassen hat: Seife aus Edelstahl. Nein, nicht nur aus Edelstahl, sogar aus “chirurgischem Edelstahl”! Waschen sich damit Chirurgen oder vielleicht sogar Edelchirurgen? Wer möchte nicht zur so gesäuberten Klientel gehören?

Waschen mit Edelstahlseife ist faszinierend: Kein Schaum, keine Chemie, keine Gewässerbelastung, wenn man vom Herstellungsprozess in der Edelstahlseifenfabrik einmal absieht. Aber eine Edelstahlseife ist eine Anschaffung fürs Leben, ja sogar darüber hinaus, man kann sie seinen Abkömmlingen ins Erbteil glitschen lassen! Im aktuellen Waschbärsortiment ist dieses Überlebenswunderwerk des Low-Tec nicht mehr enthalten, und damals, als ich es dort entdeckte, fehlte mir der Wille, die knappen Mittel ausgerechnet ins edle Metall zu investieren. Doch Manufactum und Waschbär sind nicht des Konsumenten der Nachhaltigkeit und Liebhabers des Guten und Schönen einzige Bezugsquelle: Auch der Discounter um die Ecke, der mit dem arabischen Artikel, kann einem Freund edlen Stahlgewäschs eine dauerhafte Freude machen: Auf dem Wühltisch fand ich unlängst eine viel versprechende Verpackung: “Geruchsreduzierung unangenehmer Gerüche” versprach die schlichte Pappumhüllung. Wenn das kein tautologischer Pleonasmus ist, gewissermaßen das Versprechen im Versprechen! Für nur einen Euro wurde das schöne Stahlgewäsch meines. Beim Auspacken stellte ich fest: Es liegt keine Gebrauchsanleitung bei. Das ist verschmerzbar. Und: Das Ding ist hohl. Ich war enttäuscht, hatte ich doch mindestens ein Halbpfundstück erstanden zu haben geglaubt. Der Schrottwert liegt also auf jeden Fall unter dem Einkaufspreis. Doch hatte ich nicht zum Verschrotten, sondern zum Waschen und Vererben erworben. Den Vererbungstest verschiebe ich einstweilen, beim Waschtest lässt sich sagen: Es liegt gut in der Hand, hat allerdings die Tendenz, derselben zu entgleiten. Hierbei macht sich die Höhlung des Waschkörpers bezahlt, denn die auf den Fuß gefallene Edelstahlseife verursachte keine Schmerzen. Empfehlenswert, um das weitere Abgleiten zu vermeiden, ist darum der beidhändige Gebrauch. Das Wasser perlt dabei wunderbar vom harmonisch gerundeten Stahlkörper. Ob Gerüche reduziert wurden, konnte ich eines Schnupfens wegen leider nicht feststellen. Seitdem rätsele ich weiter: Wie funktioniert das, so ganz ohne Aromen, ätherische Öle und in okkulter purer Mechanik? Worin liegt das olfaktorische Geheimnis des Metalls? Macht es das Metall, oder ist es die Pyramidenform? Und wie unterscheidet der Edelstahl angenehme von unangenehmen Gerüchen? Was dem einen ein Rosenduft, mag dem anderen ja ein Katzenklo sein. Denken Sie nur mal an Ihren letzten Besuch in diesem Esoterikgeschenkeundklimbimladen, wo ein wahres Feuerwerk an Dufträucherstäbchen auf Ihre Sinne losgelassen wurde! Oder ist es in Ihrem Esoterikgeschenkeundklimbimladen anders? Dann denken Sie an die grell geschminkte Dame in der Supermarktschlange, deren Duft Sie unlängst an das unschöne und dem Allgemeinwortschatz zu Recht fast entfallene Wort “Nuttendiesel” hat denken lassen! Auch sie hat jemanden, dem dieses Odeur eine Lust ist. Das wollen wir zumindest hoffen, ihretwegen. Die Attacke auf die Nase im Esoterikgeschenkeundklimbimladen hingegen ist nicht zur Lust, sondern nur zur örtlichen Betäubung des Hirns gedacht: Was Sie da kaufen, hält bestimmt kein Leben lang. Dafür brauchen Sie es auch nicht in diesem Leben.

Doch zurück zur Seife: Wenn es tatsächlich funktioniert, dass Edelstahl unangenehme Gerüche in Wohlgefallen auflöst, warum hat dann noch niemand z. B. Schuh- oder Slipeinlagen aus Edelstahl erfunden? Oder Katzenstreu? Oder Edelstahlkaugummi gegen Mundgeruch? Oder Edelstahlcontainer für Esoterikgeschenkeundklimbimläden? Womit hat sich eigentlich Pontius Pilatus die Hände gewaschen? Wo, ist ja klar: In Unschuld. Aber womit?

Und wenn die Unschuld, nein, die Edelstahlseife einmal fleckig wird – dafür gibt es wenigstens etwas bei Waschbär: Das Edelstahl-Hochglanztuch aus Microfaser mit Silberausrüstung für nur 4,95 €.

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