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Schnapsideen aufgewärmt: Arbeit, Beschäftigung und Zwangstätigkeit

18. Mai 2008 · 2 Kommentare

Herrn GlosSchnapsidee von der Bürgerarbeit ist derzeit, zumindest in der Blogosphäre, den einen oder anderen Beitrag wert. Mein persönlicher Favorit ist der HAMSTER, der das Zeug hat, zum Symbol der Zukunft der Arbeit in Deutschland zu werden, nachdem die Tretmühle als Symbol für die Industriearbeit mit derselben langsam altmodisch zu werden droht bzw. in preiswertere Regionen abwandert.

Wenig Humor zeigen manche Kommentatoren für die Verwendung des Begriffs „Zwangsarbeit“ im Zusammenhang mit der Mitwirkungspflicht der Bürgerarbeiter. Dabei ist das nichts Neues, wie auch Herrn Glos’ jüngste Äußerung eigentlich nichts Neues darstellt. Die Möglichkeit, Empfänger von Sozialleistungen zu Arbeiten für das Gemeinwohl zu verpflichten, gibt es mit § 19 BSHG und § 25 schon lange.

Irgendwann hat das jemand so verstanden, dass mittels solcher Maßnahmen, die als Förderung des Einzelnen gemeint waren, Einfluss auf den Arbeitsmarkt genommen werden kann. Die Empfänger sozialer Leistungen wurden wieder degradiert zu Objekten staatlichen Handelns, eine Sicht, die eigentlich in den 50er Jahren von Konservativen aufgegeben worden war*. Bis zur Wiedervereinigung blieben solche Ideen aber politisch undurchsetzbar, erst die Anarchie der Aufbaujahre der so genannten „Neuen Bundesländer“ bot Spielraum für entsprechende Experimente. Exemplarisch dafür war der „Betrieb für Beschäftigungsförderung“ in Leipzig: Unter der Leitung des mit dem OBM aus Hannover importierten Matthias von Hermanni („der letzte Kombinatsdirektor“*) wuchs binnen kürzester Zeit der „größte Arbeitgeber“ der Stadt heran.

Hintergrund: Aus ABM-Mitteln bezahlt, erwarben die zeitweise bis zu 8.000 Beschäftigten Ansprüche auf Arbeitslosengeld und fielen daher der Stadt als Sozialhilfeträger vorerst nicht mehr zur Last. Wenn es dann doch wieder soweit war, wurden sie einfach erneut an den BfB verwiesen und waren wieder aus der Sozialhilfe heraus. Der Betrieb selbst zeichnete sich vor allem durch sozialistische Arbeitsmethoden nach dem Prinzip „20 Mann=1 Bagger“ aus, betrieb eine eigene Zeitung (Gerüchten zufolge mit 20 Redaktionsmitgliedern), eine Baumschule, ein Öko-Gut, Ferienlager, ein Tierheim, sanierte u. a. öffentliche Gebäude, Spielplätze und Teiche und bewachte den Leipziger Campingplatz. Für ansässige Unternehmen besonders schmerzlich war, dass städtische Aufträge mitunter gar nicht mehr ausgeschrieben wurden, abgesehen davon, dass ein vollsubventioniertes Unternehmen immer günstiger anbieten kann.

Schon der BfB wurde seinerzeit von der Bertelsmannstiftung hochgelobt. (Quelle) Auch der Begriff „Zwangsarbeit“ fiel nicht nur da, sondern auch da und da.

Das Experiment BfB fand ein unrühmliches Ende mit sehr viel öffentlich verbreiteter Schmutzwäsche und dem Ex-Leiter als Sündenbock. Durch die Zusammenführung von Sozialhilfe und ALG wäre eine Neuauflage unter der Prämisse der Verschiebung der Kosten von Kommune zu Bund undenkbar. Das Menschenbild dahinter, die Verfügbarkeit des Hilfeempfängers als Objekt staatlicher Maßnahmen, ist leider noch sehr lebendig.

Trotzdem möchte ich dafür plädieren, nicht weiter von „Zwangsarbeit“ zu sprechen. Aus folgendem Grund:

Arbeit, [ahd, ar(a)beit „Mühe“, „Plage“], 1) bewusstes, zielgerichtetes Handeln des Menschen zum Zweck der Existenzsicherung wie der Befriedigung von Einzelbedürfnissen; zugleich wesentl. Moment der Daseinserfüllung.

(Quelle) Was u. a. Herr Glos als „Bürgerarbeit“ euphemisiert, trifft diese Definition nach Brockhaus nicht einmal ansatzweise, mal von der etymologischen Plage abgesehen. Genauso ist es mit der „Zwangsarbeit„. Besser passend und ideologisch weniger belastet wäre der Begriff „Zwangsbeschäftigung“ oder, noch besser, „Zwangstätigkeit“ in diesem Sinne:

Tätigkeit
[1] ein mehr oder weniger praktisches Tun

(Quelle) Da kommt auch niemand auf dumme Gedanken.

Und dem Begriff der „Bürgerarbeit“ ist zu wünschen, dass die Theorie der Euphemismus-Tretmühle richtig ist. Möge er mit der schlechten Konnotation „Zwangsarbeit“ in der Versenkung verschwinden!

Links zum Thema:

Die Zeit 1997

Berliner Zeitung 2004

Tacheles e. V.

Kategorien: ALG · Abgebloggt · Arbeit · Hartz · Nachrichten

2 Antworten bis hierher ↓

  • Alethea // 7. Juni 2008 um 02:10 | Antworten

    Das „unrühmliche BfB-Ende“ und die fast schon Adelung dessen Ex-Leiters als „Sündenbock“ darf und soll nicht unwidersprochen bleiben.
    Daher zwei Linkempfehlungen, damit 1. das ganze Ausmaß dieses Entrechtungs“kombinat“ verständlich wird und 2. die Menschenfeindlichkeit u. -verachtung des einstigen Leiters M.v. Hermanni.

    http://www.bfb-betrug-leipzig.de.vu/
    (hierbei zumindest „Prolog“, „Der Catch-All-Konzern“, „Menschenbild und Mitarbeiterführung im bfb“, „Das Leipzig-Syndrom oder … der bfb, die Stasi und das Amt“ und „Beschäftigungspolitische Effekte“ )

    und – schon der Ziate Hermannis wegen:
    http://www.leipziger-montagsdemo.de/daten/informationen/linkspartei_pds_hermanni-bfb.htm

  • carluv // 13. Juni 2008 um 20:59 | Antworten

    Die Nutzung des ehemaligen BfB-Chefs als Sündenbock stellt keine Adelung dar – im konkreten Fall wäre sie auch unnötig gewesen. Sie hatte vielmehr die schöne Funktion, dass danach alle Beteiligten aus Politik und Verwaltung ihre Hände in Unschuld waschen und sich dem Tagesgeschäft widmen konnten. Der BfB-Betriebsleiter war kein Einzelner, was das Menschenbild angeht. Er hat mit viel Elan verwirklicht, was die Politik ermöglicht hat. Und er erhielt sehr viel Zustimmung von sehr vielen Parteien, wenn ich mich recht erinnere.

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