Die Herren Glos, Lafontaine, Wallraff und Wöhrl bei Anne Will waren zum Thema: “Vollbeschäftigung um jeden Preis” geladen. Feuchte Spitzelträume bei Lidl, Finanzspritzen für Pseudogewerkschaften, Zeitarbeit als Regelfall, Löhne, zu denen man sich noch ALG dazuholen muss - es ist so einiges im Argen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die Diskussion selbst war leider nur mäßig spannend.
Das Highlight kam gleich zu Beginn: Der Lidl-Vorstand schickt Jürgen Kisseberth zum Interview. Was hätte es für eine Sendung sein können, hätte Lidl den Mut gehabt, Herrn Kisseberth mitdiskutieren zu lassen! Vielleicht hätte man Herrn Glos dann wieder ausladen können.
Der Bundeswirtschaftsminister fühlte sich sichtlich äußerst unwohl. Ob es an seiner Platzierung zwischen den notorischen Linken Lafontaine und Wallraff lag oder daran, dass er um eine Meinung gebeten wurde, die er nicht hatte, war nicht ganz auszumachen. Die personifizierte Meinungsfreiheit scheint ihr Amt vor allem als Laudator der Wirtschaft zu verstehen. Leider lobt er nicht einmal besonders schön, und woher er die Information hat, dass in Zeitarbeitsfirmen ausgebildet wird, weiß der Himmel. Dafür war er auch noch nie bei Lidl. Glaubwürdig vor allem ein Satz: “Davon weiß ich nichts.”
Herr Wöhrl, ausgewiesener Unternehmenssanierer, sprach da schon mehrere Klassen höher. Aber auch er ließ sich zu einem Angriff auf die Presse herab, die angeblich die deutsche Wirtschaft schlecht rede, sich immer nur die negativen Dinge herauspicke und die guten unterschlage. Solche Sätze sind nicht geeignet, in einem journalistischen Format Punkte zu machen. Das sollte er eigentlich wissen. Und Herrn Wallraff für sein Markenzeichen, die Undercover-Recherche anzugreifen, war schwach.
Wallraff, der selbst Erfahrungen als Leiharbeiter gemacht hat, betont vor allem die subjektive Seite des Nicht-dazu-Gehörens und natürlich des ungleichen Lohns. Lafontaine fordert einmal mehr das Prinzip: “Gleicher Lohn für gleiche Arbeit”, wohl wissend, dass das das Ende der Zeitarbeit wäre. Herr Glos: “Wovon sollen dann die Zeitarbeitsfirmen leben?” Niemand fragte, leider: Wozu sollen sie denn leben? Was auch niemand sagte, leider: Lohngruppe und Grad der Überwachung verhalten sich umgekehrt proportional zueinander. Das ist nicht neu.
Auf der Zweitplatzierung ein ehemaliger Leiharbeiter, der den Sprung geschafft hat. Er hatte mit seiner ehemaligen Firma “Start” offenbar Glück und ist jetzt zurück im geregelten Berufsleben. Und, ganz exklusiv aus dem Hause Lidl (2900 Filialen in Deutschland): Eine von sechs Betriebsratsvorsitzenden. Sie wusste von guten Erfahrungen mit der Mitbestimmung zu berichten, aber auch von der Angst nach der Wahl, ob ihre Filiale nun ebenfalls geschlossen wird. In ihrem Markt sollten auch Kameras installiert werden, die Betriebsversammlung lehnte ab, also ging es auch ohne. Was verwundert, ist, dass sie gleichzeitig Filialleiterin ist. Möglicherweise zählen diese bei Lidl nicht zu den leitenden Angestellten, sind also wählbar. Für alles andere gibt es zum Glück den BR-Discounter AUB, dessen Unabhängigkeit ja schon durch den Namen verbürgt ist. Da ist es nur billig, wenn nach Siemens auch Aldi da ein bisschen hilft.

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