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Bild rechnet: Kinder=Reichtum

26. März 2008 · Kommentar schreiben

Manchmal fragt man sich, wie Nachrichten eigentlich entstehen. Zum Beispiel diese vom Rekord-Hartz-IV-Bezug, den BILD exklusiv von der Bundesagentur erfragt hatte. Unter dem Titel:

Arbeitsloser bekam 3846,38 Euro Stütze

weiß das Blatt wirklich erstaunliche Dinge zu berichten.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat für BILD erstmals den höchsten ausgezahlten Hartz-IV-Satz ermittelt: Stolze 3846,38 Euro im Monat hat ein Arbeitsloser mit Ehefrau und neun Kindern über fast zwei Jahre hinweg im Schnitt erhalten. Die BA überwies ihm in 23 Monaten fast 90 000 Euro. Die Familie bekam im Monat 2653,41 Euro Regelleistung sowie 1192,97 für Unterkunft und Heizung.

Stolze 3846,38 Euro, geteilt durch 11, macht 349,67. Ich sehe schon die Geburtenzahlen steigen. Ob die Familie mit den 1192,97 für Unterkunft und Heizung auskommt? Egal. Für Bild (Bildunterschrift:) Unfassbar. Weiter:

Für dieses Netto müsste ein Alleinverdiener mit neun Kindern laut Bund der Steuerzahler (BdSt) 3358 Euro brutto verdienen und Kindergeld von 1536 Euro erhalten. BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise: „Diese Zahlen zeigen, dass es in bestimmten Fällen nur wenig Anreize gibt, eine regulär bezahlte Arbeit aufzunehmen.“

Was hat der Bund der Steuerzahler damit zu tun? Und das Kindergeld? Braucht Herr Weise Assistenz beim Berechnen des Kindergelds? Er ist da ja Chef, immerhin. Und wieso Alleinverdiener? Und was sind “bestimmte Fälle”? Ach, übrigens:

Der Hartz-IV-Rekordhalter hat inzwischen wieder eine Arbeit gefunden.

Der jetzige Rekordhalter wird auch noch vorgerechnet. Auch das Kindergeld für seine zehn Kinder. Spätestens jetzt würde es reichen, die Bildleserschaft auf spekulative Weise wachsen zu lassen, nach der einfachen Formel: Kinder bringen Reichtum. Doch nein, es kommt anders: Weise, Christ und Verteidiger der Ehrlichkeit, wendet sich gegen Sozialneid, kürzlich gegen den auf Manager, heute gegen den auf Sozialleistungsbezieher:

BA-Chef Weise: „Natürlich sind diese Zahlungen auf den ersten Blick sehr hoch. Wenn man aber sieht, dass in diesen Familien neun oder zehn Kinder leben, die viel Geld kosten, dann relativiert sich das.“

Bei Spiegel-Online wird das Thema aufgegriffen. Spiegelleser wissen aber offenbar mehr, deshalb wurde die Anmerkung Weises (zwei Kinder, Besoldungsgruppe A exorbitant), dass Kinder Geld kosten, nicht noch einmal erwähnt. Dafür zitiert der Spiegel eine Behördensprecherin, die verklärt:

Die Unterstützung sei deshalb so hoch ausgefallen, weil für jedes Kind bis zu 14 Jahren monatlich 208 Euro bezahlt würden und bis zum Alter von 25 Jahren 278 Euro.

Unerwähnt bleibt von Sprecherin und Spiegel: Alle diese Personen innerhalb der Bedarfsgemeinschaft dürfen kein anderes Einkommen haben. Die betroffenen Familien wurden glücklicherweise nicht öffentlich bloßgestellt, deshalb ist nur zu vermuten: Wenn für Kinder zwischen 20 und 25 gezahlt wurde, handelt es sich nicht nur um einen Arbeitslosen, sondern um mehrere. Erwachsene Kinder im Haushalt haben aus Sippenhaftgründen keinen eigenen Anspruch.

Doch zurück zu Bild. Dort darf jetzt der oberste Steuerzahler (Einkommen auch etwas höher) fordern:

Steuerzahlerbund-Präsident Karl Heinz Däke macht die hohen Abzüge vom Lohn dafür verantwortlich, dass Hartz IV für viele attraktiver ist als eine bezahlte Arbeit: „Die hohe Belastung mit Steuern und Abgaben erstickt jeden Leistungsanreiz. Leistung muss sich wieder lohnen und deshalb fordere ich: Mehr Netto!

O, das ist nett! Der Präsident des „Finanzgewissens der Nation” (BdSt über BdSt) hat Bild noch mehr zu sagen, und wir kriegen es fett:

Deutschland kann sich seinen hohen sozialen Standard nur leisten, wenn es Menschen gibt, die ihn mit ihren Steuern und Abgaben finanzieren.“

Eine beeindruckende Erkenntnisleistung. Da merkt man: Deutschland kann sich solches Gewissen nur leisten, solange es Menschen gibt, die solche Experten finanzieren. Wir sind bei der Nachricht hinter der Nachricht angekommen. Nur: Was hat das mit dem Hartz-IV-Rekord zu tun? Weiß ich auch nicht. Aber in einem hatte Bild recht: Es ist unfassbar.

Kategorien: ALG · Agenda 2010 · Hartz · Nachrichten · Politik
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